Immobilien und Wohnungen

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PostPosted: 1999-06-10 00:00:00
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Joined: 1999-06-10 00:00:00
Vorbemerkung fuer de.rec.music.klassik
Ich schreibe als Hobbyautor kurze Prosatexte und schicke sie nach
de.etc.schreiben.prosa. In diesem Text spielt ein klassisches Musikstueck
und eine alte Schellackplatte eine entscheidende Rolle. Leider verstehe ich
von beidem nicht viel, deshalb ein crossposting nach
de.rec.music.klassik.
Wenn ihr Lust habt die Geschichte zu lesen und einige fachliche oder
sonstige Anmerkungen beisteuert, waere ich sehr dankbar.
f'up nach de.etc.schreiben.prosa
Vorbemerkung fuer de.etc.schreiben.prosa
Dieser Text erschien schon mal, als diese Gruppe noch dag hiess. Ich reposte
ihn jetzt weil die Belegschaft doch seitdem stark gewechselt hat und weil
sie meiner vorletzten Geschichte "Bitte nur im Notfall oeffnen!"
ziemlich
aehnlich ist.
Das ist mir erst jetzt aufgefallen.
-----------------------------
Lebenslange Suche
Als ich fuenfzehn Jahre alt war, kauften meine  Eltern ein altes
Bauernhaus
in einem Dorf bei Muenchen. Wir hatten gerade damit begonnen unser neues
Heim zu renovieren. Mein Vater stand auf dem Dach und reichte mir durch eine
immer groesser werdende Luecke alte, kaputte Ziegel. Ich stapelte sie auf
dem Dachboden und trug sie spaeter mit Eimern runter. Um mich herum standen
einige alte Pappkartons, ein alter Schrank, sowie zwei Truhen aus
geflochtenen Weiden. Ich oeffnete einige der Kartons. Doch mein Vater rief
mich immer wieder schimpfend zur Arbeit zurueck.
Als wir mit dem Abdecken des Daches fertig waren, kehre ich am spaeten
Nachmittag noch mal allein zurueck. In einer Ecke entdeckte ich ein
mechanisches Grammophon, auf ihm lag noch eine alte Schellackplatte ohne
Beschriftung. Ueberraschend leicht liess sich es aufziehen. Ich war darauf
gefaßt ein Kratzen und Rauschen unterlegt mit etwas Musik zu hoeren. Doch im
Gegenteil:
Nie zuvor habe ich Vergleichbares gehoert. Ein dunkles und ein helles
Instrument wechseln sich ab, widersprechen sich, verschmelzen zu wunderbarer
Harmonie. Dann singen eine hohe Frauenstimme und eine tiefe Maennerstimme
dazu, wiederholen das Thema der Instrumente. Die Worte sind in einer fremden
Sprache, die mich an keine erinnert, die ich jemals gehoert habe.
Ich bin wie betrunken und denke nur noch: "Mein Gott ist das schoen. Ist
das
schoen." Dann singt nur noch ein einzelnes Instrument, vermutlich eine
Geige. Sie nimmt das Thema der Stimmen auf und führt es in kristallener
Reinheit zu ueberirdischen Schoenheit.
Als die Platte zu Ende war - und ich heute noch froh darueber, daß ich sie
wenigstens einmal ganz hoeren konnte - stand ich wie im Taumel auf und
wollte sie nochmals hoeren. Ich schloß die Augen. Doch schon nach ein paar
Takten riß ich sie wieder auf. Das Stueck zu Ende - fuer immer zu Ende.
Mein Vater hatte oben auf dem Dach eine noch fast volle Wasserflasche auf
einem Balken stehen lassen. Die Flasche war auf Platte und Grammophon
gestuerzt und hatte die Platte in kleine Stücke zerschlagen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich, wie die meisten meiner
Altersgenossen, nicht für klassische Musik interessiert. Nach dem ersten
Schock dachte ich, daß es ja nicht so schwer sein wuerde, die Platte wieder
zu finden.
Vier Jahre lang brauchte ich, um alle bekannten Klassiker, die vor 1945
erschienen waren, zu hoeren. Ich gab mein ganzes Taschengeld für
Klassikplatten aus. Meine Eltern und Grosseltern, denen dies natuerlich
damals noch sehr gefiel, unterstuetzten mein neues Hobby nach Kraeften. Es
wunderte sie nur ein bißchen, daß ich nie eine Platte zweimal hoerte sondern

immer neue haben wollte. Soweit ich in meiner Freizeit nicht Platten hoerte
oder mich in Musikgeschaeften zum Probehoeren aufhielt, hoerte ich
Radiosender mit klassischer Musik.
Doch alles war vergebens, kein Stück entsprach auch nur annaehernd meiner
Erinnerung. Also ging ich einen anderen Weg. Ich hatte die Bruchstuecke der
Platte aufbewahrt. Mit ihnen ging ich zu einem Experten für die
Rekonstruktion alter Schellackplatten. Doch außer Kratzen und Rauschen, in
dem ich und nur ich, glaubte etwas Musik zu hoeren, brachte die
Rekonstruktion nichts.
Doch immerhin konnte der Experte mir einiges zur Herkunft der Platte sagen:
Es gab schon kurz nach der Erfindung der Schallplatte Aufnahmegeraete zu
kaufen, mit denen man eigene Aufzeichnungen machen konnten. Wahrscheinlich
war die Platte der Mitschnitt eines Haus-musikabends einer großbuergerlichen
Familie. Der Experte entmutigte mich noch mehr. Das Musikstueck konnte gut
eine Komposition eines Mitglieds oder Freundes der Familie sein. Dies
erklaerte dann, wieso die Komposition aufgezeichnet wurde. Er empfahl mir,
die Herkunft der Platte zu erforschen.
Diese Suche, die sich als Irrweg erweisen sollte, kostete mich einige
Monate. Das Grammophon und die Platte waren kurz nach dem zweiten Weltkrieg
in den Besitz der Bauernfamilie gekommen, die vor uns das Haus bewohnt
hatte. Der Bauer hatte es gegen Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt
eingetauscht. Seine neunzig Jahre alte Schwester erzählte mir, das
Grammophon stamme von Fluechtlingen aus dem Osten. Hier verliert sich die
Spur.
Ein weiterer Weg blieb mir noch offen: Vielleicht hatte der unbekannte
Komponist das Stück ja in irgendeinem Musikverlag veroeffentlicht. Ich wurde
zum Experten für  alte Partituren, machte dann mein Hobby zum Beruf. Mit
25
eroeffnete ich ein Antiquariat. Jede alte Partitur, die durch meine Haende
ging, spielte ich auf dem Klavier oder der Geige. Im Laufe der Zeit wurde
ich ein ganz passabler Geigen- und Klavierspieler.
Doch auch dieser Weg war bis heute vergebens. Wahrscheinlich sind der
unbekannte Komponist und alle, die ihn kannten im zweiten Weltkrieg
umgekommen. Ansonsten haette wohl sicher die Erinnerung an sein Stueck
ueberlebt. Doch dies sind nur Spekulationen.
Doch trotzdem war die Suche am Ende erfolgreich. Ich las vor fast 10 Jahren
einen Artikel, daß manche Menschen sich mittels autogenen Trainings soweit
in Selbsthypnose versetzen koennen, daß sie mit ihrem inneren Ohr Musik
hoeren koennen, jedes Stueck, das sich einmal bei ihnen eingepraegt hat, so
klar wie in einem Konzert. Und dieser Weg schliesslich fuehrte zum Erfolg.
Nach jahrelangem harten Training, jeden Tag verbrachte ich dreimal eine
halbe Stunde in Versenkung, war ich vor zwei Jahren soweit, daß ich nun das
Stueck innerlich abrufen kann, wann immer ich will.
--
http://members.aol.com/xaver1m


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PostPosted: 1999-06-10 00:00:00
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Joined: 1999-06-10 00:00:00
Hallo Xaver,
*beifallklatsch*, schon die ersten zeilen haben mich mitgerissen,
so das ich Deinen Text zuende gelesen habe. Selen! Also: Vielen
Dank, daß Du diese Geschichte gepostet hast!
Gruß
Manfred


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PostPosted: 1999-06-11 00:00:00
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Joined: 1999-06-11 00:00:00
Nur eine Anmerkungen zur "musikalischen Seite" der Geschichte.
 Autogenes
Training ist nicht vonnöten, um ein Musikstück "innerlich" zu
hören. Da der
Protagonist in der Lage ist, aus der Partitur zu spielen (dazu muss man
zunächst ein mindestens passabler Klavierspieler sein. Darüber hinaus
verlangt das "Partiturspielen" gute Kenntnisse des musikalischen
Satzes,
weil sämtliche vertikale Stimmen erfasst und in eine entsprechende, dem
Soloinstrument angepasste Lage gebracht werden müssen), kann er mutmaßlich
auch die einzelnen Stimmen eines komplexeres Musikstücks gut erinnern.
Aus diesem Grund müsste die Chronologie leicht umgestellt werden. Der
Musikwissenschaftler (er hat ja sein Hobby zum Beruf gemacht und wird
"Experte für alte Partituren" genannt..) _ist_ selbstverständlich
ein guter
Klavierspieler und wird es nicht erst "mit der Zeit", und er kann
selbstverständlich nach einem kurzen Blick auf die Partitur a) die Stimmen
hören, somit sofort erkennen, ob es sich um die Komposition aus Kindertagen
handelt b) die Komposition historisch einordnen. Die Besetzung deines
Musikstückes ist etwas ungewöhnlich. Mein Tip (und es ist tatsächlich
wunderschön und könnte diesen Eindruck hinterlassen): Pergolesi, Stabat
mater dolorosa für Knabensopran, Countertenor, Geige, basso continuo).
Einziges Problem: Jeder Experte (und nicht nur der) kennt es.
Jens
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