Hamburger Morgenpost Online vom 04.12.2000
Die Blasen-Leiden am Neuen Markt: Wie das Kapital der kleinen Anleger
vernichtet wird
Mister X: Blutbad für Aktien-Zocker
Die Blase ist geplatzt - viele Aktien am Neuen Markt haben seit März 50 bis
90 Prozent an Wert verloren. Für die Kleinaktionäre wurde das Wagnis Börse
zum Blutbad. Einen Totalverlust haben die Aktionäre von Gigabell erlitten.
Die Gründer von Infomatec sitzen wegen Betrugsverdachts in Haft. Das
Beispiel Intertainment zeigt, dass auch gut informierte Kleinaktionäre am
Ende bei der gigantischen Geldvernichtung am so genannten Wachstumsmarkt die
Dummen sind.
Die Aktionäre der Münchner Filmhandelsfirma Intertainment verfluchen den
Tag, an dem Firmenchef Rüdiger Baeres (40) auf die Idee kam, den
Hollywood-Film "Battlefield Earth" mit zu finanzieren. Der
Science-Fiction-Streifen nach einer Idee des Scientology-Gründers L. Ron
Hubbard wurde in den USA trotz des Hauptdarstellers John Travolta zum
Mega-Flop (New York Times: "Schlechtester Film des Jahrhunderts). Selbst
eine Million Affen könnten in einer Million Jahren nicht solchen Schwachsinn
produzieren, so die Washington Post.
Seitdem fragen sich Intertainment-Aktionäre, wie es um das Urteilsvermögen
von Baeres bestellt ist. Seine Geschäftsidee: Er kauft, nach dem Vorbild von
Leo Kirch, Rechte an Hollywood-Filmen, vermarktet diese dann über Kinos,
Video und TV. 270 Millionen Mark wollte er dieses Jahr umsetzen, 84
Millionen Mark Überschuss erzielen. Die Firma galt bei Analysten als
hochprofitabler "Outperformer", sackte aber nach dem
Travolta-Debakel von
einst 137 Euro auf weniger als 60 Euro im September ab. Bei 41 Euro erklärte
die "Financial Times Deutschland" Intertainment zum guten Kauf.
"Es gibt
nach wie vor keine Negativmeldungen aus dem Haus", mailte Daniela Pickl,
zuständig für PR, Kleinaktionären zu, die Anfang November bei anhaltendem
Kursverfall besorgt fragten, ob es schlechte Neuigkeiten aus dem Unternehmen
gebe.
Dabei stand das Blutbad kurz bevor: Am 16. November ließ eine unscheinbare
Meldung die Börsianer aufhorchen. Einen Tag vor Bekanntgabe der
Geschäftszahlen zum dritten Quartal stuften die Merrill-Lynch-Analysten
Bernhard Tubeilah und Stephan Seip Intertainment auf "Halten"
herunter. Das
Film-Franchise-Geschäft habe sich nicht wie erwartet entwickelt.
Kleinaktionäre, die das nicht sofort per Internet mitbekamen, hatten schon
verloren. Der Kurs rauschte binnen eines Nachmittags von 29 auf 20 Euro
runter. Einen Tag nach dem Downgrading die offiziellen Zahlen: 140 Millionen
Mark weniger Umsatz als geplant, 24 Millionen Mark weniger Gewinn vor
Steuern. Daraufhin sackte die Aktie auf 14 Euro. Wer das am Sonnabend in der
Zeitung las, hatte bereits 50 Prozent verloren.
"Die großen Fische wussten vorher Bescheid. Das ist Betrug",
schäumte ein
"dumm gehaltener" Kleinaktionär bei wallstreet-online. Andere
Hobby-Börsianer wollen beobachtet haben, dass Aktien in großen Paketen à
10000 Stück abgestoßen wurden. Der Verdacht: Die Fonds seien rechtzeitig
ausgestiegen, während das Unternehmen es unterließ, die kursrelevanten neuen
Daten als Gewinn- und Umsatzwarnung als adhoc-Meldung mitzuteilen - was es
laut Aktiengesetz aber muss.
Woher also wussten die Fondsmanager von den Problemen? "Wir hatten für
den
16. November eine Roadshow für Analysten in Frankfurt vorgesehen, haben sie
aber abgesagt. Die neuen Zahlen für das dritte Quartal wurden erst am selben
Tag während einer Vorstandssitzung festgelegt. Aus unserem Unternehmen ist
nichts nach außen gedrungen", beteuert Achim Gerlach, Finanzvorstand bei
Intertainment, der MOPO. Seine Vermutung: Die Probleme beim Absatz der
TV-Rechte seien in der Branche bekannt gewesen. Das habe man "hochrechnen
können".
Tatsächlich hat Intertainment die Kopien für den Film "Get Carter"
(mit
Silvester Stallone) wegen Materialfehlern in die USA zurückgehen lassen.
Auch "The Pledge" (mit Jack Nicholson) kann erst 2001 abgerechnet
werden.
Gerlach hält die Gewinnprognose für 2001 voll aufrecht - obwohl Experten von
einem regelrechten "Käuferstreik" der TV-Sender sprechen.
Und in den Chat-Räumen die Aktionäre hält sich hartnäckig der Verdacht,
dass
Banken, zum Teil auch Fonds, manche Aktienbestände regelrecht
"leerverkaufen", um anschließend zu billigeren Kursen günstig
wieder
einzukaufen. Im Fall Intertainment ist das letzte Wort noch nicht
gesprochen. "Bei uns liegt eine Beschwerde gegen die Firma wegen
Verdachts
auf Insiderhandel vor", bestätigt eine Sprecherin des
Bundesaufsichtsamts
für Wertpapierhandel der MOPO auf Anfrage. Markus Straub von der
Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre rät Betroffenen ab, auf rechtliche
Konsequenzen zu hoffen: "Die Erfahrung zeigt, dass es in jedem Fall
lohnt,
sofort zu verkaufen, wenn Unternehmen das Vertrauen der Kleinaktionäre
missbraucht haben ..."
URL:
http://database.mopo.de/bookmark/hamburg/20001204/20001204129.html
Dave