55. Berliner Filmfestspiele - ein paar Eindruecke/Empfehlungen/Warnungen
Natuerlich spoilerfrei. Bei allzu exotischen Titeln habe ich den
internationalen Titel gelegentlich in eckigen Klammern geschrieben.
Kurzes Fazit:
Wettbewerb: Im Grossen und Ganzen eher schwach, wie in den letzten
Jahren auch war der beste Film wieder der Film, der den "Grossen Preis
der Jury" bekommen hat und nicht der Film mit dem Goldenen Baeren.
Forum: Dieses Jahr mit ausgeduenntem Programm, worunter die Qualitaet
doch recht gelitten hat, da der relative Anteil von kruden
Videoexperimenten gestiegen ist. Der asiatische Raum war stark wie
immer (auch wenn Regisseure wie Miike oder Johnnie To nicht mehr
vertreten sind), im suedamerikanischen Raum gab es aber totalen
Kahlschlag. Kein Film aus Brasilien und nur einen aus Argentinien, der
dazu noch auf Video gedreht war.
Panorama: Das Spezial war grossartig wie immer, die Dokus deutlich
weniger interessant, da Highlights wie "Wichmann" oder "Yes
Men"
fehlten.
Jugend14: Das entwickelt sich sehr gut, wie schon im letzten Jahr mit
echten Filmperlen, die auch Erwachsenen Freude machen.
Retro: Irgendwie recht beliebig, eine Retro ueber "Production
Design"
ist wie eine Retro ueber "Filme, in denen Autos vorkommen". Wieder
eine
Regisseurs- oder Darstellerretro fuer 2006, bitte.
Aeltere Festival-Kurzkritiken gibt es unter
http://www.informatik.uni-bremen.de/~jmm/festivals.html
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40 Shades of Blue (USA, Englisch)
Inh: Der Sohn eines gealterten erfolgreichen Musikproduzenten verliebt
sich beim Familienbesuch in dessen zweite, deutlich jüngere russische
Ehefrau.
Ein herrlich subtiler Film mit schoenem Score, dessen Charaktere und
Dialoge sich langsam entwickeln und der sehr viel Atmosphaere aufbaut.
Sehr gut gespielt von Rip Torn und Dina Korzun.
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Anklaget (Daenemark, Daenisch mit dt. UT)
Inh: Ein Familienvater wird von seiner 14jährigen Tochter des
Kindesmissbrauchs beschuldigt. Nachdem nur noch seine Frau zu ihm hält
und er das Gericht von seiner Unschuld überzeugen kann, beginnt die
schwierige Annäherung an seine Tochter.
Ordentlich mit kleinen Haengern, die eigentlich dramatische Handlung
wird relativ abgeklaert bis bieder inszeniert, spielt dabei aber
trotzdem mit den Erwartungen der Zuschauer. Unbefriedigend bleibt, wie
die Figuren in der Luft haengen; eine Vorgeschichte zum Plot fehlt
nahezu vollstaendig und auch die Rolle der Tochter bleibt im Dunkeln.
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Asylum (UK, Englisch mit dt. UT)
Inh: England in den 50er Jahren: Die vernachlässigte Ehefrau eines
klinischen Psychiaters verliebt sich in einen der Insassen, was in der
Anstalt für erheblichen Aufruhr sorgt.
Edel gemacht, aber auch meistens zu plakativ und ueberraschungsarm.
Die Charaktere bleiben Schablonen und mein Bedarf an erstarrter
englischer 50er-Jahre-Gesellschaft wurde mit "Vera Drake" bereits
uebererfuellt. Kein Film, den man gesehen haben muss.
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Ballad of Jack and Rose, The (USA, Englisch)
Inh: Jack und seine 14 Jahre alten Tochter leben als letzte
Verbliebene in einer alten Hippie-Kommune auf dem Land. Als seine neue
Freundin mit ihren beiden Söhnen einzieht kommt es zum Konflikt.
Ein schoenes tragikomisches Drama und eine komplexe
Vater-Tochter-Beziehung mit minimalen Drehbuchschwaechen und guten
Schauspielerleistungen. Die anschliessende Preisverleihung des
"Kamera-Sonderpreises der Berlinale" erfuellte mal wieder die
Weisheit
von meinem Lieblingssatiriker Max Goldt, das ein verliehener Preis
prinzipiell immer nur dem Verleihenden Aufmerksamkeit sichert und war
auch sonst eine grosse Peinlichkeit. Kosslick kam auf die Buehne und
las in grauenhaftem Englisch ("Wie arr blieset tuu hand over sis preis
to ju") eine Lobrede ab und dankte anschliessend dem Stifter des Preises,
einem "Herrn Soundso", ob der denn im Saal sei. Als dann die
Stifterin
sich meldete kam nur ein erstauntes "Oh, Mister Soundso is a woman".
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Childstar (Kanada, Englisch mit dt. UT)
Inh: Ein 13 Jahre alter Kinderstar, behütet von seiner exaltierten
geschiedenenen Mutter, flüchtet sich aus dem Stress der
Filmproduktion, als er sich mit dem Set-Chaffeur und neuem Lover
seiner Mutter anfreundet.
Ein unterhaltsamer Autorenfilm, dessen Regisseur auch gleich die
Hauptrolle uebernommen hat. Besonders Jennifer Jason Leight als Mutter
ist sehr komisch, und abgesehen von einigen Plattheiten bleibt die
Handlung im Fluss.
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Chukje [Festival] (Suedkorea, Koreanisch mit engl. UT)
Inh: Eine alte Frau wird beerdigt und die Familie versammelt sich zum
Begräbnis, neben dem erfolgreichen Schriftstellersohn erscheint auch
das schwarze Schaf der Familie, das uneheliche Kind, das von der
Verstorbenen grossgezogen wurde.
Hervorragend, still, bedaechtig und gefuehlvoll und trotz aller
Konflikte versoehnlich. Das Beerdigungsritual ist sehr interessant und
die Erzaehlweise ist herrlich reduziert und unaufgeregt.
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Chun hua kai [Plastic Flowers] (China, Mandarin mit engl. UT)
Inh: Eine Dreiecksbeziehung in einer Fabrik fuer Plastikblumen,
zwischen der lebenslustigen Fabrikbesitzerin, einem introvertieren
Lagerarbeiter und dem neuen Blumendesigner.
Ein recht zurueckhaltender Film mit ruhigem Erzaehltempo, der seine
nicht gerade innovative Geschichte lebendig und klischeefrei erzaehlt
und einen scheinbar realistischen Arbeitsalltag einfaengt.
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Crash Test Dummies (Oesterreich, Deutsch mit engl. UT)
Inh: Ein rumänisches Pärchen möchte ein gestohlenes Auto von Wien in
die Heimat überführen. Als die Übergabe scheitert, scheiden sie im
Streit und müssen beide in der fremden Stadt Fuss fassen, sie bei
einem einsamen Kaufhausdetektiv, er bei einer Reiseverkehrskauffrau,
die er beim Musizieren im Park kennenlernt.
Ein skurriler schoener Film, mit guten Darstellern, die ihre Rollen
glaubwuerdig verkoerpern und guten Production Values.
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De battre mon coeur s'est arrete (Frankreich, Franzoesisch mit dt. UT)
Inh: Der zwielichtige Sohn eines Immobilienhändlers, ebenfalls
Immobilienhändler, entdeckt die Schönheit der Welt im
Klavierspiel wieder.
Der Film funktioniert nicht, der Kontrast zwischen dem anfangs wild
fluchenden und selbst fuer einen Immobilienmakler unsympathischen
Helden und dem beseelten Klavierspieler bleibt Karikatur und auch
sonst bleibt die Geschichte angestrengt und eitel.
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Dumplings (China, Mandarin/Kantonesisch mit engl. UT)
Inh: Ein Frau kocht Dampfnudeln mit dem Fleisch abgetriebener Föten
als Verjüngungskur an reiche Hongkong-Chinesen. Die ultimative
Wirkung kann jedoch nur ein Fötus im fünften Monat bringen...
Sehr unterhaltsam und mit frischen Ideen. Einige der Szenen sind aber
durchaus drastisch (etwa wenn in Grossaufnahme Foeten gehaeckselt
werden), insbesondere wenn man sich den ueberzeichneten Einsatz von
Gewalt im asiatischen Kino nicht gewoehnt. Im gut gefuellten
Zoo-Palast hoerte man denn auch nach einer besonders drastischen Szene
ein "Ist ein Arzt im Publikum?" und eine Minute spaeter wurde eine
ohnmaechtige Frau von einem UCI-Mitarbeiter herausgetragen...
Das Jury-Bunny Bai Ling fuellt ihre Rolle einigermassen aus und
"Dumplings" hatte die beste Sexszene der gesamten Berlinale (der
Mann
liegt mit gebrochenem Bein in der Trageschlaufe im Bett, was mit
zunehmender Leidenschaft immer komplizierter wird).
Teil einer Film-Trilogie namens "The Three Extremes", deren uebrige
Teile ich dringend sehen muss (Park Chan-Wok(!), Takashi Miike(!)).
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Elaeville ja kuolleille [For the living and the Dead] (Finnland, Finnisch
mit engl. UT)
Inh: Ein Ehepaar und ihr überlebender Sohn müssen den Verlust ihres in
einem Autobrand ums Leben gekommenen Sohnes verkraften und
verarbeiten.
Die Beschreibung des Regisseurs trifft es sehr gut "Emotional ohne
sentimal zu sein", die Trauer aller Beteiligten muendet nur selten in
Weinkraempfe o.ae. sondern in aller Regel in stille Verzweiflung. EjK
ist ein Film ohne eine einzige komische Szene, in dem vor allem die
Rollen des Vaters und des ueberlebendes Sohnes wunderbar gespielt
sind.
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Fjorton Suger (Schweden, Schwedisch mit engl. UT)
Inh: Emma wird auf einer Party von einem Freund ihres Bruders
vergewaltigt, findet aber nicht die Kraft die Tat anzuzeigen
Sehr atmosphaerisch und erfrischend ungekuenstelt. Dabei ordentlich
gespielt und trotz der prinzipiell vorhersehbaren Handlung auch recht
spannend.
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Gespenster (Deutschland, Deutsch mit engl. UT)
Inh: Eine Franzoesin trifft auf der Strasse eine junge Herumtreiberin
und glaubt in ihr ihre im Alter von drei Jahren entfuehrte Tochter
wiederzuerkennen.
Wie von Petzold gewohnt ein Film, der trotz seiner eigentlich in der
realen Welt verankerten Handlung wie in einer kuenstlichen Wolke zu
schweben scheint. Man wird unvermittelt in die Handlung gestossen,
erfaehrt ueber die Hintergruende der Charaktere wenig und bekommt man
Ende auch keine finale Aufloesung (selbst der Schluss der Filmes geht
fuer meinen Geschmack schon zu weit und haette ruhig noch verknappt
werden koennen). Wunderbar gespielt mit der niedlichsten deutschen und
niedlichsten schweizer Nachwuchsschauspielerin und gedreht von einem
der besten deutschen Nachwuchsregisseure. Die Kamera ist ebenfalls
sehr gut und nicht mal Benno Fuermann schafft es den guten
Gesamteindruck zu stoeren.
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Hana + Alice (Japan, Japanisch mit engl. UT)
Inh: Zwei Freundinnen täuschen einem Jungen vor, er habe eine Amnesie
und habe sie, seine Freundin, bzw. Ex-Freundin vergessen.
Ein schoener Film, unterhaltsam und und gespielt, der aber auch eine
halbe Stunde kuerzer haette sein koennen, ohne nennenswert an
Qualitaet zu verlieren.
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Hitch (USA, Englisch mit dt. UT)
Inh: Der "Date Doctor" hilft Männern ihre Traumfrauen
aufreissen. Nachdem er einen kleinen Buchhalter mit der lokalen
Society-Schönheit bekannt gemacht hat, stellt sich heraus, das der
"Date Doctor" selbst an einem Liebesproblem zu knacken hat.
Eine etwas holprige Komoedie, die nur phasenweise die Balance zwischen
gelungener Komik und albernem Klamauk schafft ("Er ist auf einem Glas
Murmeln
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